Symposium „Virtuelle Welten und Kriminalität“ (UPDATED)

Heute und morgen findet im Internationalen Wissenschaftsforum Heidelberg ein Symposium zu oben genanntem Thema statt. Die als Arbeitstagung gestaltete Veranstaltung beinhaltet eine ganze Reihe von Vorträgen, die sich nicht nur auf rechtliche Fragestellungen beschränken. Das Programm gibt es als pdf zum Download.

Ich hatte das Glück, noch kurzfristig auf die Liste der Teilnehmer gerutscht zu sein. Mein Dank gilt an dieser Stelle an den Verantwortlichen Organisator Dr. Kai Cornelius, der meine Teilnahme kurzfristig möglich gemacht hatte.

Die Besetzung der Tagung war nicht nur international, sondern auch interdisziplinär ausgerichtet: Gegenstand der Vorträge war nicht nur die Kriminalität im virtuellen Raum, sondern auch mögliche Verursacher wie beispielsweise Computerspielsucht. Einiges war bekannt, aber vieles neu- gerade was juristische Sachverhalte anging. Immer wieder wurde im Anschluss an Vorträge ausführlich diskutiert. Leider war Christoph Klimmt kurzfristig erkrankt, so dass sein Vortrag ausfallen musste.

Nachfolgend eine kurze Zusammenfassung ausgesuchter Vorträge:

Prof. Dr. Nikolaus Forgo: Rechtsbeziehungen und Persönlichkeitsrechte in Metaversen

Der Vortrag hatte insbesondere Rechtsfragen in der Beziehung Nutzer-Nutzer bzw. Nutzer-Anbieter zum Inhalt. In letzterem Fall wurde von Herrn Forgo insbesondere das zweifelhafte Gebaren des Betreibers der virtuellen Umgebung Second Life, Linden Labs gegenüber den Nutzern kritisiert. Obwohl LL es augenscheinlich schafft, das Gegenteil zu vermitteln: Die Nutzer haben so gut wie keine Rechte. Die AGB sind außerdem aus datenschutzrechtlicher Perspektive höchst problematisch, was der Referent an einigen Beispielen eindrucksvoll illustrierte.

Ebenso kritisierte Herr Forgo die seltsamen Auswüchse der aktuellen Rechtsprechung, die über das Konstrukt der sogenannten Störerhaftung dazu führt, dass beispielsweise Betreiber von Internet-Foren für Rechtsverstöße ihrer Nutzer haftbar gemacht werden. Statt aber Rechtssicherheit zu schaffen, ist das Konstrukt so stark der Auslegung der Richter im Einzelfall unterworfen, dass jeder, der die interaktive Teilnahme im Rahmen seiner Internetpräsenz gestattet, ein nicht kalkulierbares rechtliches Risiko eingeht.

Zum Schluss warf Herr Forgo die interessante Frage in dem Raum: Kennt das Grundrecht auf informationelle Selbstbestimmung – bzw. die Würde des Menschen, aus denen sich eben jene ableitet – Grenzen in der Verarbeitung von Daten?

Der Vortrag war überraschend unjuristisch und die selbstironische Art des Referenten bezüglich seines eigenen Berufsstandes höchst erfrischend.

Prof. Dr. Dieter Herrmann: Rezeption von medialer Gewalt und Gewalthandeln im realen Leben

Zunächst war ich sehr skeptisch, was diesen Vortrag betraf: Schließlich ging es um Medienwirkung und mir schwante ob anderer medienpräsenter Beispiele kriminologischer Interpretation des Themas ( aktuell z.B. hier ) nichts Gutes. Erfreulicherweise erwiesen sich meine Sorgen als unbegründet:

Nach einer Darstellung der Problemlagen der Medienwirkungsforschung und ihrer Ergebnisse sowie gängiger Methoden wurden von Herrn Herrmann die Ergebnisse verschiedener Studien und Metastudien vorgestellt. Die Bestandsaufnahme zeigte, dass beinahe alle Studien bzgl. der Wirkung medialer Gewaltdarstellung die Lerntheorie als theoretische Basis für sich beanspruchen. Anschließend erläuterte Herr Herrmann alternative Theorien  als mögliche Grundlage analoger Studien oder Interpretation der Ergebnisse der zuvor vorgestellten Studienergebnisse.

Die abschließende Frage ob unterschiedliche theoretische Fundierung zu unterschiedlichen Ergebnissen führen würden ist meiner Meinung nach nicht nur bedenkenswert, sondern sollte auch einer entsprechenden empirischen Überprüfung unterzogen werden.

Der Vortrag stand insgesamt in angenehmem Kontrast zu den stark vereinfachenden und medial hofierten Interpretationen eines Herrn Pfeiffer oder Herrn Spitzer und bot mir Gelegenheit, meine eigene Argumentation weiter auszubauen.

Prof. Dr. Dr. Klaus Mathiak: Neurobiologie des Medienerlebens: Neuronale Korrelate von Computerspielen und Gewalt

Herr Mathiak behandelte insbesondere die Frage, welche neuronalen Auswirkungen der Konsum gewalthaltiger Spiele hat und welche Effekte dies im realen Leben zeitigt. Auch hier hatte ich einen eher polarisierten Beitrag erwartet, wurde aber wiederum angenehm überrascht.

Zunächst räumte Herr Mathiak mit dem Klischee auf, das exzessive Konsum von Gewaltspielen und psychische Störungen in einen direkten Zusammenhang bringt. Im Gegenteil: Menschen mit Persönlichkeitsstörungen nutzen Computerspiele kaum.

Die neuronalen Wirkungen von Gewaltspielen zusammengefasst, ergibt sich folgendes Bild: Die kognitiven Anteile des Hirns werden vor den emotionalen aktiviert und die emotionale Aktivierung (bspw. in Form von Mitleid) durch die kognitive Antizipation der Gewaltsituation im Spiel gedämpft. Insgesamt sind bis zu 70% des Gehirns am Spielen beteiligt.

Zusammengefasst bedeuten die Ergebnisse, dass man zwar mit Computerspielen die adäquate Reaktion auf Gefahren- und Gewaltsituationen lernen kann- dies aber noch keine Aussage über die tatsächliche Bereitschaft oder das Potenzial eines Menschen trifft, auch außerhalb von Computerspielen gewalttätig zu handeln. Ein „Brainwash-Effekt“ durch den Konsum von Gewaltspielen lasse sich wissenschaftlich nicht belegen.

Zum Abschluss wie auch im Verlauf der Tagung wurde immer wieder diskutiert. Es hat sich deutlich gezeigt, dass aktuelle Rechtsfragen dringend einer Klärung bedürfen. Dazu ist eine empirische Erforschung virtueller Kriminalität unerlässlich, ebenso wie die Klärung nur in interdisziplinärer Zusammenarbeit geschehen kann, da alle Fragen auch nicht nur juristische, sondern auch technische, psychologische, pädagogische, soziologische und philosophische Anteile besitzen. Die Ergebnisse der Tagung sollen in einem Papier zusammengetragen werden. Insgesamt war die Tagung erfreulich produktiv und es bleibt zu hoffen, dass die Ergebnisse auch politisches Gehör finden.