Gewalthaltige Computerspiele beeinträchtigen die Gesundheit!- oder…?

Diese Meldung findet man in dieser oder ähnlicher Form seit ein paar Tagen an diversen Stellen im WWW, so zum Beispiel hier, hier oder hier.

Sie bezieht sich auf eine aktuelle Studie der Universität Stockholm, die Jungen im Alter von 12 bis 15 Jahren in drei zeitlich getrennten Szenarien untersucht hat: Die Gruppe spielte in gewalthaltiges Spiel,  ein gewaltloses Spiel, zuletzt kein Computerspiel. Dabei wurde sowohl Herzfrequenz, Herzfrequenz-Variabilität und das körperliche Aktivierungsniveau gemessen. So weit, so unspektakulär.

Spektakulär liest sich die Darstellung im deutschen Web: Insbesondere häufig spielende Kinder nehmen durch das Spielen von Gewaltspielen Schaden- der allerdings nicht näher definiert wird. Der Herzschlag werde „unregelmäßiger“, und zwar über die Spieldauer hinaus bis hinein in die folgende Nacht. Hierzu soll sich auch der Leiter der Studie sehr deutlich geäußert haben: Das Wissen um den Zusammenhangs von Gewaltdarstellungen und Aggressivität sei erweitert worden, so Lindblad, der Leiter der Studie. Zentrale physiologische Systeme des Körpers würden beeinträchtigt, ohne dass es der Betroffene spürt.
Das sind alamierende Nachrichten, deren Konsequenzen nur eine „Forderung an die Spieleindustrie“ sein kann, „aus gesundheitlichen Gründen Gewalt aus dem Spiel zu nehmen“.

Das die Diskussion im deutschen Sprachraum dank medienpräsenter Vertreter populärer Wirkungsthesen nicht ohne Voreingenommenheit in beiden Lagern geführt wird, ist nichts Neues. Dass die deutsche Presse hier gerne zum Alarmismus neigt ist ebenfalls hinlänglich bekannt. Wer sich aber die Mühe macht, ein wenig genauer nachzuforschen, reibt sich verwundert die Augen und erkennt hier ein Lehrstück in puncto Glaubwürdigkeit im Web und den möglichen Folgen einer fraglosen Akzeptanz von ‚Tatsachen‘.

Der zur Studie veröffentlichten Artikel in der Fachpresse [engl.] liest sich nämlich vollkommen anders:

Zunächst einmal ist das als ‚Studie‘ bezeichnete Unterfangen wohl eher als Experiment anzusehen: Schließlich kam man mit der überschaubaren Zahl von 19 Probanden aus. Ähnlich unspektakulär sind die Ergebnisse:

Die Variabilität des Herzschlags war beim Spielen von gewalthaltigen Spielen stärker beeinflusst, sowohl in der Spielphase, wie auch in der Folgenacht. Das ist nicht weiter verwunderlich eingedenk der Tatsache, dass laut genanntem Artikel die Spiele zwischen 20.00 Uhr und 22.00 Uhr Abends gespielt wurden. Und es bedeutet nichts anderes, als dass der Herzschlag größeren Schwankungen unterworfen war als beim Spielen eines gewaltlosen Spiels. Die Probanden bemerkten von der erhöhten Variabilität des Herzschlags nichts, auch eine Beeinträchtigung der Schlafqualität wurde nicht berichtet. Dementsprechend vorsichtig sind auch die Schlußfolgerungen formuliert, die sich in der offiziellen Pressemitteilung der Universität Stockholm finden:

The results show that the autonomous nerve system, and thereby central physiological systems in the body, can be affected when you play violent games without your being aware of it. It is too early to draw conclusions about what the long-term significance of this sort of influence might be. […] It is hoped that it will be possible to use the method to enhance our knowledge of what mechanisms could lie behind the association that has previously been suggested between violent games and aggressive behavior.

(Hervorhebungen: JK)

Ob der Ergebnisse muss es verwundern, dass sich der/die Forscher im Interview zu den zitierten Forderungen und Statements hinreißen lassen.

Genau hier liegt wohl auch der Grund dafür, dass die Nachricht auf den großen Portalen der klassischen Printmedien bisher keine Aufmerksamkeit gefunden hat.

Trotzdem frage ich mich, wievielen Menschen ich für diese Meldung Rede und Antwort stehen muss- spätestens beim nächsten Elternabend oder der nächsten Fortbildung.

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